(von Mag.a Petra Pinetz)

Hat man ein Kind mit Behinderung, so wird man als Elternteil schnell und schmerzlich mit Mängeln im System konfrontiert. Kein Einzelfall ist die nun folgende Fallgeschichte.

So wie alle Eltern habe ich mir bereits vor der Geburt meines Kindes Gedanken gemacht, wie lange ich in Karenz sein werde und mich über Kindergärten informiert. Die Auswahl schien groß. Doch es kam anders als erwartet. Bei meinem Kind wurde eine Behinderung festgestellt, meine Entspannung ließ merklich nach. Nicht meinem Kind gegenüber, sondern gegenüber dem System.

Durch den Behördendschungel

Die frühen und so wertvollen Lebenswochen und Monate waren nun zeitlich ausgefüllt mit Terminen bei Ärzten und Ärztinnen, dem Ausfüllen von Anträgen für Leistungen, wie beispielsweise für den Erhalt der erhöhten Familienbeihilfe und Pflegegeld. In der Pensionsversicherungsanstalt wurde mir gesagt, “Ihr Kind ist noch zu jung. Es gibt kein Pflegegeld”. Der Antrag auf Mobile Frühförderung wurde zwar bewilligt, jedoch musste mein Kind etwa sechs Monate auf Frühförderung warten – mangels finanzieller Ressourcen. Es folgten zahlreiche Anrufe in Ambulatorien und Zentren für Entwicklungsförderung, denn mein Kind benötigte Therapien. “Tut uns leid, wie haben Aufnahmestopp. Wir führen keine Warteliste, denn das ist derzeit sinnlos”. Keine Ressourcen.

Kindergartenplatz? Ja, aber …

Bei der Suche nach einem Kindergartenplatz wurde mir schnell klar, dass mein Kind nicht die gleichen Möglichkeiten hat wie andere Kinder. In privaten Bildungseinrichtungen hörte ich: “Gerne würden wir Ihr Kind nehmen, doch darauf sind wir nicht ausgerichtet und haben keine entsprechenden Ressourcen zur Verfügung. Vielleicht schaffen Sie es, Assistenz für Ihr Kind zu bezahlen oder Sie fragen bei der Stadt Wien wegen Kostenübernahme nach.” Bei der Stadt Wien erfuhr ich, dass keine Kosten für Assistenz übernommen werden, dafür gibt es keine gesetzliche Grundlage. Jedoch wurde mir ein städtischer Kindergarten empfohlen. Die Psychologin, die für die Vergabe von Plätzen zuständig ist, erklärte mir, dass mein Kind erst ab dem dritten Lebensjahr einen Platz in einer Integrationsgruppe erhält, vorausgesetzt ich bin berufstätig und alle vier- bis sechsjährigen Kinder sind zuvor versorgt.

Die richtige Beratung

Ich musste und wollte wieder berufstätig sein, denn die Therapien, die mein Kind brauchte, musste ich privat bezahlen. Von anderen Eltern habe ich von der Beratungsstelle für (Vor-) Schulische Integration erfahren. Dort wurde ich bei der Suche nach einem Platz bei einer Tagesmutter unterstützt, die mein Kind zwei Jahre lang betreut hat. Ab dem vierten Lebensjahr konnte mein Kind eine Integrationsgruppe im städtischen Kindergarten besuchen, da ich berufstätig und zwischenzeitlich alleinerziehend war. Aufgrund von Personalmangel und generell fehlender Assistenz darf es aber nur bis maximal 14 Uhr bleiben. Keine Ressourcen! Die nächste Herausforderung ist die Schule, denn in dieser gibt es für mein Kind auch keine Assistenz.

Wir sind stark

Mein Kind hat großartige Ressourcen und Kompetenzen entwickelt und wird diese auch weiterentwickeln. Dies verdanken wir einerseits der Resilienz meines Kindes, andererseits meiner unermüdlichen Anstrengung, meinem Kind die bestmöglichen Entwicklungschancen zu gewährleisten und nicht zuletzt meinen persönlichen Ressourcen. Täglich bin ich gefordert, die Mängel des Systems zu kompensieren, doch merke ich auch, wie müde ich oft bin. Mit ständig benachteiligenden und unzureichenden Systemen konfrontiert zu sein (wo es wohl immer um dasselbe geht: Fehlende Ressourcen), gehen Verzweiflung, Zorn, Trauer, Ungerechtigkeit und die Erfahrung der Ungleichbehandlung einher. Doch ich bleibe stark, glaube weiterhin an mein Kind und kämpfe, damit es gleichberechtigt am gesellschaftlichen Leben teilhaben kann, wie andere Kinder auch!

Dieser Beitrag wurde in der Zeitung ‚iwi – integration wien’ Ausgabe 43/2021, Seite 6, veröffentlicht und wird auf der Homepage der “Verbandes der Rollstuhlfahrenden Österreichs” mit freundlicher Genehmigung der Redaktion veröffentlicht. https://integrationwien.at/images/downloads/iwi/ausgabe43_2021.pdf